2300km Paddeln – Von Regensburg ins Schwarze Meer | kleinstadtgross

2300km Paddeln – Von Regensburg ins Schwarze Meer

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OLYMPUS DIGITAL CAMERAEin selbstgebautes Holzpaddelboot, 2300 Kilometer Donau, zwei Typen, ein gemeinsames Ziel: Das schwarze Meer.

2012 beschloss ich mit Arun unter goldenem Handschlag ein Boot zu bauen und mit diesem von Regensburg bis ins schwarze Meer zu fahren. 2300 Kilometer Wasserstrasse, 18 Schleusen und 10 Länder lagen vor uns. Bis zum Nullpunkt der Donau in Sulina brauchte man Erfahrungsberichten zufolge mit einem Paddelboot circa zweieinhalb Monate. Während der Reise war es unmöglich, vor meinem besten Freund zu fliehen, denn wir waren auf vier Quadratmetern Holz gefangen. Eine Flucht vor der Zweisamkeit hätte es nur in Form von Ertrinken gegeben. Harte Konfrontation von schönen, aber auch diabolischen Charakterzügen war die Folge und ich bin unglaublich dankbar für die wundervolle Zeit und die Lehre der Selbstbeherrschung!

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Die Idee wurde in Südfrankreich geboren und im Berliner Kunsthaus Tacheles besiegelt. Im Internet fanden wir eine Bauanleitung für ein Kanadier von Ralph Hammer. Dieser hatte seine Kanubaukünste ja immerhin schon in der „Sendung mit der Maus“ demonstriert… Im August fuhren wir nach Regensburg. Dort angekommen waren die wichtigsten Fragen: „Wo bauen wir das Boot?“ und „Wo ist der nächste Baumarkt?“. In mühsamer Handarbeit wurde das Kanadier wegen fehlendem Stromanschluss mit Multitool-Taschenmesser, Handsäge und Handborer zusammengeschustert, um eine lange Reise mit vielen kleinen Abenteuern und treibenden Gedanken zu beginnen.

Zweieinhalb Monate im Wald zu leben und zuweilen durch Großstädte wie Wien, Budapest, Bratislava oder Belgrad zu fahren, ist wie der Sprung in den Schnee nach dem Saunagang. Sintfluten an Emotionen preschen einem entgegen und schenken wertvolle Erfahrungen.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAOhne zu wissen, dass ich mal in Passau studieren würde, fuhren wir mit dem Boot an der Veste Oberhaus vorbei, bewunderten die Schönheit der Stadt, hatten gleichzeitig Angst vor den vielen Kirchtürmen und stempelten den Ort zurecht als erzkonservativ und spießig ab.

Zur Zeit wird ein Buch über diese Gedanken und Abenteuer verfasst. In welcher Form diese Geschichten erscheinen, ist noch unklar.

Hier ein kleiner Ausschnitt:


 

…„Alter ich habe keinen Bock mehr!“, denke ich mir bei jedem fünften Paddelschlag, reiße mich jedoch zusammen, bewältige die nächsten fünf und denke das Gleiche. Die Anfängerfehler setzen mir zu, auch wenn ich jetzt darüber lachen kann. Es gibt da so ein paar Regeln, die man befolgen sollte: Lass das Boot im Wasser oder zieh es ganz an Land, falls große Schiffe den Fluss befahren. Wenn du es nur halb an Land ziehst, könnte es sein, dass die Bugwellen der Frachter dein Boot bis oben hin mit aufgewühltem Dreckwasser füllen. Ungefähr das gleiche gilt für das Equipment!

OLYMPUS DIGITAL CAMERAArun und ich räumen unsere Sachen an einem wunderschönen Flachen Kiesstrand aus… „Ich geh mal das Umfeld abchecken!“, ruft Arun und wackelt aufgrund der faustgroßen Steine, die unter den Füßen sehr unangenehm sein können, leicht unsicher durch die Gegend. Ich stehe während dessen am Fluss und bestaune die dicht bewachsenen und sattgrünen Ufer. Wie ein Dschungel bilden Wälder eine schwer zu durchbrechende Wand zum Land. Auf einmal erscheint die Spitze eines Binnenschiffes hinter der Flussbiegung. Es fährt gegen den Strom, ist dabei aber ziemlich schnell unterwegs. Die Stärke des Schiffes und vor allem die Größe lassen mich staunen. Mit offenem Mund glotze ich dem Boot hinterher. „Peter“ steht fett gedruckt am Bug. Als das Schiff fast an mir vorbeigezogen ist, bemerke ich ein leichtes Grollen. Auf einmal sehe ich, wie sich das Wasser zurückzieht und die großen Kieselsteine mit sich zieht. Der Wasserspiegel senkt sich um bestimmt 50 cm. Dann sehe ich von links die Wellen, die den Kiesstrand hinaufschnellen. Sie nähern sich schnell und ich renne fünf Meter rückwärts, so dass nur meine Füße naß werden. Ich schaue den Wellen vergnügt nach, bis mein Blick auf dem Haufen Equipment kleben bleibt, der nicht weit vom Ufer aufgestapelt ist.

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„Fuck! Aruuun!“, schreie ich. Er stolpert aus dem Gebüsch und sieht was ich sehe. Für einige Sekunden sind wir wie erstarrt und sehen zu, wie unsere ganzen Sachen von den Wellen erfasst werden. Genau an der Stelle, an der wir das Gepäck ausgeladen haben, ist der Strand komischer Weise besonders Flach und lang. Warum, sehe ich kurz danach. Es ist eine Einflussrinne zu seinem kleinen See und mittendrin auf dem Weg dorthin schwimmt unser Gepäck. „Die Kamera!“, brülle ich hysterisch und stöckel, halb kriechend, halb rennend mit schmerzverzerrter Visage über die faustgroßen Steine.  Arun hingegen rennt, wie der männlichste Mann auf Erden ohne Schmerz in seinen Augen. „Tja so sind sie die Indas, die können ja sogar über brennende Kohlen laufen und sich Spieße durch den Körper rammen ohne zu bluten.“, denke ich und bin dankbar für die indischen Gene! Kurz vor dem Abhang zum See bringt Arun den Teil, der es bis dahin geschafft hat zum Stoppen. Alles, aber auch alles ist nass außer die Kamera!…

 

– Text und Bilder von Thomas Maluck -

2 Responses to “2300km Paddeln – Von Regensburg ins Schwarze Meer”

  1. Liliana

    Ein großes Kompliment an euch zwei!
    So ein Erlebnis ist Gold wert und ganz, ganz bestimmt eine Überlegung wert, dies auch einmal zu tun, wenn irgendwann einmal der richtige Freund/die richtige Freundin zur Seite steht. :)
    Das Erlebnis würde ich nur allzu gerne in eurem Buch lesen und hoffe, ihr packt auch ganz viele Fotos hinein. Es würde mich sehr interessieren, wie ihr das alles insgesamt organisiert und was ihr alles auf der Reise erlebt habt. Hattet ihr etwas für medizinische Notfälle bereit?
    Es türmen sich viele Fragen in mir auf, aber ich beneide euch um dass, was ihr bereits erlebt habt. Trotz dass wir den gleichen Jahrgang haben (89), fühle ich mich mit einem Mal so, als habe ich viel zu viel verpasst. Es juckt mir geradezu in den Fingern, das Leben am Schopf zu packen und es auszukosten, wie ihr beide es getan habt.

    Ich bewundere euch für euren Mut!
    Hoffe, ihr werdet gemeinsam noch viel erleben und wünsche euch alles erdenklich Gute. :)

    Lily

    • Tom

      Hi Lily,

      freut mich sehr, dass wir dir Lust gemacht haben :) Eigentlich gehört nicht viel dazu… Zeit und ein bisschen Mut. Leider sind das zwei Dinge, die meistens nicht einfach so zusammenfallen und zur gleichen Zeit am gleichen Ort auftauchen. Wenn der Zeitpunkt gekommen ist, macht man es halt einfach…
      Was das Equipment betrifft, verliert man eine Menge unterwegs und schmeißt viel weg. So hatten wir nach 2 Wochen nur noch eine Packung Pflaster.
      Ich hoffe, dass ich das Buch bald fertigstellen kann. Ob ich es dann einfach ins Netz stelle oder versuche es bei einem Verlag einzureichen, weiß ich noch nicht.

      Falls du irgendwann eine ähnliche Reise planst,kannst du mir einfach schreiben ;)

      Lieben Gruß

      Tom

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