Beißpony: ”Don’t die. Don’t work.” | kleinstadtgross

Beißpony: ”Don’t die. Don’t work.”

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beisspony-schrift_header1Ein Abend im Mai. Das KaffeeWerk ist rappelvoll und mittendrin sitzen zwei Frauen hinter ihren Instrumenten und sehen so aus, als seien sie dafür gemacht worden. Stephanie Müller und Laura Theis machten auf ihrer kleinen Bayern-Tour Halt in Passau; mit im Gepäck das (fast) lebensgroße Beisspony und ihr neues Album ‘Brush Your Teeth‘. 

Karten1013Die beiden schaffen es wirklich handgemachte Musik in die Ohren der ZuhörerInnen zu zaubern. Da wird schon mal das Gerüst eines kaputten Regenschirms zum Drumstick umfunktioniert, ein Telefonhörer statt einem Mikrofon verwendet oder zum Sound eines Farbsprenklers vorwärts und rückwärts gesungen. Die Laserpistole gibt ein genauso schönes Begleitgeräusch her, wie die Schreibmaschine, mit der Steffi näht, während Laura singt: ”I don’t need you. But I want you. To be happy.” Dabei entsteht zum Beispiel eine ganz flockig-leichte Verbindung zwischen Selbstmordgedanken und dem was man anstatt dessen tun könnte. Oder sommer-sehnsuchtsweckende Titel wie ‘Mathilda’s Last Summer': ”All you have to do is stop thinking. All you have to do is stop caring. All you have to do is start drinking.”

An diesem Abend wollte keiner das KaffeeWerk wieder freiwillig verlassen, aber irgendwann ist jedes Konzert vorbei. Ein kleiner Trost war es die CD mitzunehmen, denn bei Beißpony gibt’s keinen profanen Plastikkasten mit Booklet. Bei Beißpony ist auch alles drum rum Kunst – jedes der 16 Lieder hat eine liebevoll eigens dafür gestaltete Bildkarte. Und so kann man die beiden Menschen, denen man ihre Liebe zur Musik in jedem Ton anmerkt, zumindest in akustischer Form mit nach Hause nehmen.

Kleinstadtgroß: Wie habt ihr euch gefunden und wann war das?

Beißpony: Wir haben uns im November 2005 im Kafe Kult in München kennen gelernt. Das ist ein sympathischer selbstverwalteter Konzertladen für Indie, Punk und Hardcore. Kimya Dawson hat dort ein Konzert gespielt und in der Pause hat Steffi mit ihr eine Comic-Nähaktion gemacht. Da sind wir zum ersten Mal miteinander ins Gespräch gekommen und 2006 haben wir dann eine gemeinsame Band gegründet.

Warum hat das Pony ein Horn?beißi-300x200

Die Idee kam von einer Hardcore-10’’-Platte von Killdozer. Die ist aus den Achtzigern, trägt den persiflierenden Titel ‘For Ladies Only’ und auf dem Cover klebt ein Aufkleber mit einem zähnefletschenden Einhorn. Unser Beißpony ist ein von Steffi genähtes, halb blaues, halb pinkes Stoffeinhorn mit rasiermesserscharfen gelben Zähnen. Es hat Witz und Biss und war unser allererstes Instrument. Es hat nämlich kaputte Spielzeugautos in der Bauchtasche, mit denen man einen super Trommelwirbel erzeugen kann.

Was ist euer Konzept und kann man euch eigentlich Band nennen?

Ja klar, wir machen experimentelle Musik und wir haben uns die Instrumente in d.i.y.-Manier angeeignet. Die Songs werden wie bei vielen anderen Bands, die wir schätzen, von Melodien und Songwriting getragen. Das ganze durchbrechen wir immer wieder mit Klang- und Performanceelementen. 

Wer erfindet die Instrumente und den Sound? 

Steffi experimentiert gerne mit Alltagsgegenständen wie Nähmaschine, Schreibmaschine oder Staubsauger und baut diese in Soundmaschinen um. Ihr macht es Spaß, diese in unser klassisches Set aus Piano, Gesang und Schlagwerk miteinzubauen.

Karten104Macht ihr Nischenmusik? Welche Nische?

Wir machen Musik für alle Menschen die gerne auf den Text hören und Lust auf experimentelle Sounds und Überraschungen haben.

Wie sind die Rückmeldungen?

Als wir angefangen haben, ging es uns wahrscheinlich so wie vielen anderen Bands. Wir dachten, dass sich vor allem Menschen aus der eigenen Subkultur für unsere Musik begeistern können…aber wir haben schnell gemerkt dass sich die Grenzen ganz leicht aufbrechen lassen: Wenn du das machst, was dir wirklich am Herzen liegt, spüren die Menschen das sofort und der Funke kann überspringen… 

Was wollt ihr uns mit dem Albumstitel sagen? Ist das eine Aufforderung?

Wir möchten den Drang zum Perfektionismus ein bißchen untergraben. Oft genug sollen wir lächeln und klein beigeben, aber wenn dir ein Beißpony mit eklig gelben Zähnen so einen Befehl erteilt, dann geht es eher darum, sich auch mal zu trauen, Zähne zu zeigen.

Was erwartet uns auf dem Album?

16 Songs aus dem Beißpony-Geschichten-Universum, die ganz unterschiedlich sind: Mal Protestsong, mal Roadmovie, mal Experimental-Elektro, mal Arbeitsverweigerungs-Hit. Das kann melancholisch, treibend, oder gespickt mit Sprachwitz sein. Da gibt es viele Interessen und Einflüsse, die aufeinander treffen: Zum Beispiel Herman Dune, Scout Niblett, Hüsker Dü, Regina Spektor, Built to Spill, Fiona Apple, Fugazi und Daniel Johnston.

Habt ihr einen besonderen Bezug zu Polizisten? 

Die Polizei eignet sich visuell super. Die tannengrünen und senfgelben Uniformen der Münchner Polizei werden zum Beispiel bei Steffi zu genähten Wurftauben verarbeitet. Die kommen bei uns auch mit auf Tour. Wir brechen gerne mit Dingen wie Ordnungsanweisungen und sperrigem Amtsdeutsch. Orte wie verlassene Polizeiübungsstationen eignen sich ideal für Field Recordings und Videoaufnahmen.

Welchen Bezug habt ihr zu Passau?

Steffi hat einen touristischen Bezug: Im Kleinkindalter war sie oft in der Region. Und unser Art Director Klaus hat ein paar Jahre als Beamter im Widerstand dort gelebt. Laura gefallen die Flüsse im ‘bayerischen Venedig’ und der extrem leckere Kakao im KaffeeWerk.

Seid ihr Kleinstadt- oder Großstadtmenschen?

Steffi kommt aus Großkarolinenfeld, einem kleinen Dorf in der Nähe von Rosenheim. Sie ist konzertsüchtig und auf der Suche nach einer Großstadt mit vielen Konzerten hat es sie am Ende nach München verschlagen. Also: eher Kleinstadtmensch, der immer noch Lust auf größere Städte hat. Sie mag allerdings auch die ganz kleinen verschrobenen und seltsamen Orte, die ihre ganz eigene Geschichte erzählen. Laura kommt aus einem Münchner Vorort und lebt nach einem Intermezzo in New York inzwischen in Oxford, von wo aus man aufs Land genauso gut wie nach London pendeln kann. Also: beides.

Wir bedanken uns vielmals für das Interview und dass ihr Passau musikalisch bereichert habt. Kommt bald wieder!

- Text von Almuth Nitsch, Bilder und Video von Klaus Erich Dietl -