Der Schwarm bleibt der beste Sponsor – Brasilianischer Kurzfilmabend bringt Crowdfunding-Projekte auf die Leinwand | kleinstadtgross

Der Schwarm bleibt der beste Sponsor – Brasilianischer Kurzfilmabend bringt Crowdfunding-Projekte auf die Leinwand

Muestra

„Lobos”, „Abismo” und “Só isso” lauten die Titel der Kurzfilme, die Produzentin Letícia Ribeiro zum ‘Muestra!’ Filmfestival am Freitagabend im Metropolis vorgeführt hat. Die 26-Jährige Filmemacherin aus Porto Alegre hat uns erzählt, wie sie mit ihrem Team ihre Ideen via Internet realisieren konnte. Und mit welchem deutschen Regisseur sie gerne mal einen Kaffee trinken würde.

Vom Südatlantik an die Donau – Letícia Ribeiro ist für den Bachelor in Kulturwirtschaft nach Passau gekommen. Drei Kurzfilme aus eigener Produktion hat sie aus ihrer brasilianischen Heimatstadt mitgebracht.

„Mein rechter Arm ist kürzer als der Linke, meine Finger sind lang.  Was kann ich also alles mit ihnen anstellen? Entweder Geld zählen, durch  Diätbücher blättern oder doch Klavier lernen?“, fragt sich die junge Brasilianerin im Kurzfilm „Só isso“. Im Bett  wird ihrem Freund währenddessen eines klar: Einen dauerhaften Lebensinhalt kann nicht einmal Sex bieten – was, wenn er im Alter allergisch auf Viagra reagiert? Eine Lösung: Carpe Diem. Zum Ende also noch ein letztes Schäferstündchen zu zweit, bevor alles zu spät ist –die Abblende des Kurzfilms aus Porto Alegre, der am Freitagabend im Passauer Metropolis-Kino läuft, lässt das Pärchen dafür wieder alleine im Schlafzimmer.

Stattdessen taucht der Name der Produzentin, die den Besuchern des südamerikanischen Filmfests ‘Muestra!’ drei handgemachte brasilianische Kurzfilme mitgebracht hat, im Abspann auf. Letícia Ribeiro wartet bis das Licht im Saal angeht, dann tritt die 26-Jährige Filmemacherin vor das Publikum: Gäbe es das Internet nicht, könnte sie auch heute nur aus dem Drehbuch vorlesen, erzählt sie. Denn die Filme, die sie im Sommer 2012 zusammen mit Absolventen der Filmhochschule aus Porto Alegre produziert hat, sind nicht mit Geldern aus staatlichen Fördertöpfen finanziert.

Crowdfunding lautet das Rezept, mit dem sie ihre Filmideen auf die Leinwand bringen konnten. 3500 Euro hatten sie von zahlreichen privaten Unterstützern auf diesem Weg erhalten. „Wir waren so viel unabhängiger“, erzählt Letícia Ribeiro, „eine staatliche Filmförderung ist in Brasilien schwer zu bekommen, und wenn, dann muss man Geschichten nach deren Regeln drehen.“ Was sie damit genau meint, hat die Produzentin uns im Interview verraten.

Michael: Letícia, kannst Du kurz zusammenfassen, um was es in den drei Kurzfilmen geht?

LetíciaDer Film „Lobos“ dreht sich ganz grob gesagt um die Natur des Menschen, „Abismo“ dagegen ist eine fantastische Geschichte. Es geht um einen Mann, der alleine auf der Welt ist, nachdem sich eine Katastrophe ereignet hat. „Só Isso“ stellt sich die Frage, was passiert, wenn nichts mehr übrig bleibt, außer wir selbst.

M: Du hast die drei Kurzfilme im Sommer mit ehemaligen Studenten der Filmhochschule in Porto Alegre gedreht. Was hat Dich und die Filme nach Passau verschlagen?

L: In Porto Alegre hatte ich meinen Bachelor in Filmproduktion abgeschlossen, und war auf der Suche nach einem Masterstudiengang in Kulturmanagement. Da ich nebenher auch Germanistik studiert habe und es in Brasilien wenig passende Studienangebote gab, habe ich mir nun Kulturwirtschaft in Passau ausgesucht. Außerdem wollte ich etwas anderes von der Welt sehen, nicht nur Brasilien.

Wenn die Moleküle tanzen – Im Film “Sò isso” stellt sich ein Paar die Frage, was übrig bleibt.

M: Wie kann man sich deine Heimatstadt vorstellen?

LPorto Alegre ist ungefähr so groß wie München. Es gibt dort wenig Tourismus, dafür eine lebendige Kreativszene, und manche sagen, es ist wie ein kleines Berlin in Brasilien. Die Stadt fördert kulturelle Projekte dennoch kaum. Aber es gibt eben viele Leute, die das selbst in die Hand nehmen.

M: So wie euer Produktionsteam. Anstatt bei staatlichen Förderanstalten, seid ihr für die drei Filme im Internet auf Sponsorensuche gegangen, via Crowdfunding. Warum überhaupt?

L: Als junge Absolventen der Filmhochschule hatten wir zunächst einmal kein passendes Portfolio, um realistische Chancen auf eine staatliche Förderung zu haben. Außerdem bedeutet Geld vom Staat oft lange Wartezeiten und Abhängigkeit – auch, was die Drehbücher betrifft, wollten wir uns von niemandem reinreden lassen. Deshalb haben wir die Ideen ins Internet gestellt, und dort viele Unterstützer via Crowdfunding finden können.

M: Kannst Du erklären, wie das Prinzip der Schwarmfinanzierung funktioniert? 

L: Es gibt verschiedene Adressen, die nach dem Crowdfunding-Konzept funktionieren. Auf der Plattform „catarse.me“, die wir gewählt hatten, können Filme genauso finanziert werden, wie künstlerische, aber auch politische Projekte. Damit die Internetnutzer unsere Idee besser kennenlernen, haben wir einen kleinen Teaser vorab hochgeladen – mit der Beschreibung der Geschichten. Was toll ist: Es reichen eben auch kleine Spendenbeträge von 10 Euro, sobald sich genug Leute beteiligen. Und als zusätzlichen Anreiz gab es für Jeden, der uns unterstützt hatte, eine DVD des fertigen Films und eine Namensnennung im Abspann –je nach Spendensumme.

M: Mit wie viel Geld habt ihr euch dann letztendlich an die Arbeit gemacht?

L8.000 Reàis, das sind umgerechnet circa 3500 Euro.

“Abismo”, zu Deutsch “Abgrund” zeigt einen einsamen Mann in der postapokalzptischen Welt, der unerwarteten Besuch bekommt.

M: Wie war die Resonanz eurer Sponsoren auf die fertigen Filme?

LWir haben eine gute Kritik für unsere Filme bekommen. Alle Unterstützer haben von uns einen Internet-Link bekommen, wo sie sich die Kurzfilme ansehen konnten. Die Meisten fanden es toll, Geschichten sehen zu können, die von dem gewohnten brasilianischen Kino abweichen. Sie konnten uns ihre Meinung auf der Plattform oder via Email mitteilen.

M: Welchen brasilianischen Film würdest Du jemanden ans Herz legen, der sich für südamerikanisches Kino interessiert?

L: „O Som ao Redor“ ist ein sehr guter Film aus dem Jahr 2012, der englische Titel lautet „Neighbouring Sounds“. Er spielt in Recife, eine Stadt im Nordosten Brasiliens, und zeigt Menschen aus der Mittelschicht, die dort in Appartements wohnen und ein durchschnittliches Leben führen. Es gibt nicht viele Filme in Brasilien, die genau das tun. Es geht dabei um das landestypische Lebensgefühl, um Fröhlichkeit, Capoeira, Samba, aber eben aus einem anderen Blickwinkel.

M: Wenn Du mit einem deutschen Regisseur einen Kaffee trinken dürftest, wen würdest Du Dir aussuchen?

L: Wenn er noch leben würde – Rainer Werner Fassbinder.

M: Der beste deutsche Schauspieler für Dich?

L: Klaus Kinski

Danke für das Interview Letícia, eine schöne Zeit in Passau und viel Erfolg bei deinen weiteren Projekten.

- Interview, Text und Bilder von Michael Gruber -