Von Santiago de Chile in den Passauer Weltladen – GreenGlass | kleinstadtgross

Von Santiago de Chile in den Passauer Weltladen – GreenGlass

Greenglass Chile - kleinstadtgross.de

Was passiert, wenn man einem Produkt aus dem Weltladen bis zum Entstehungsort folgt? – ein kleiner Pappzettel, eine ohnehin schon geplante Reise und das Treffen mit einem jungen chilenischen Gründer.

Oscar von GreenGlass Chile in seinem FlaschenlagerFür mich begann alles mit einem Bummel durch den Weltladen Passau vergangenen Sommer. Die Koffer fürs Auslandspraktikum in Peru schon halb gepackt und ein letztes Mal Besuch von der Verwandtschaft. Und da Weltläden es so an sich haben, dass sie Produkte aus aller Welt verkaufen, fielen mir bei diesem Mal besonders Produkte aus Südamerika auf. So auch Trinkgläser, gemacht aus recycelten Flaschen. Ein kleiner Zettel verwies auf die zugehörige Homepage: greenglass.cl

Wie aus der Flasche ein Glas wurde…

Für Oscar begann die Geschichte viel früher. Im Jahr 2009 kam ein Freund mit der fixen Idee zu ihm, eine Flasche zu zerschneiden. Der untere Teil sollte ein selbstgemachtes Glas und kreatives Geburtstagsgeschenk werden. Ob Oscar ihm da nicht helfen könne. Oscar probierte es, schnitt die Flasche in der Mitte durch und tatsächlich: es funktionierte. Gemeinsam mit seiner Mutter, die schon länger Glasprodukte entwarf und verkaufte, brachte er ein einigermaßen ansehnliches Ergebnis zustande.

Zu diesem Zeitpunkt fing er gerade an BWL zu studieren. Sein erster Kurs beschäftigte sich mit Ein Corona - GreenGlass aus Chile - kleinstadtgross.deEntrepreneurship und die Prüfungsleistung war es, ein Produkt zu entwickeln und zu verkaufen. Oscar schlug seiner Gruppe vor, aus alten Flaschen Gläser zu machen. Er stieß auf Unverständnis und wurde sowohl aus der Gruppe als auch aus dem Kurs geworfen. Der Lehrer warf ihm mangelndes Entrepreneur-Bewusstsein vor und prophezeite ihm, dass er niemals gute Ideen haben werde. Im Kurs verbliebene Freunde setzten sich für Oscar ein und schließlich bekam er vom Lehrer eine zweite Chance. Jetzt in einer anderen Gruppe sagte er wieder: Hey, lasst uns Flaschen zerschneiden und Gläser draus machen! Und dieses Mal waren seine Kommilitonen einverstanden. Vorher hatten sie nämlich Kekse verkauft und ihnen war schnell klar geworden, dass sie den Kurs damit nicht bestehen werden. Am Ende absolvierten sie ihn dann mit der besten Note. Selbst ihr Lehrer kaufte Gläser und war letztendlich doch begeistert.

Vom Unikurs zur eigenen Firma

Irgendwann beschloss Oscar den Prozess zu verbessern um von der Produktion später potentiell leben zu können. Von seinen Kommilitonen war aber niemand mehr mit von der Partie. Jetzt auf sich alleine gestellt, musste er alle Teilaufgaben, für die vorher Gruppenmitglieder zuständig gewesen waren, selbst übernehmen. Bisher hatte er die Flaschen nur besorgt und am besseren Ablauf des ganzen Prozesses gearbeitet. Nun musste er sich auch um die Produktion und den Verkauf kümmern.

„It is really funny, because even though I am in the best university, I do not believe in the university shit. I study business and stuff, but they do not teach you anything.“

SONY DSCUnd genau da liegt für ihn die Herausforderung: Ohne sonderlich viel über Technik zu wissen, musste dann beispielsweise die richtige Maschine gefunden werden. Die ersten Gläser wurden noch in reiner Handarbeit hergestellt: Fünf Personen schafften an einem Tag circa 40 Stück. Mit der jetzigen Ausstattung sind es fast 10mal so viele. Oscar hat den Prozess optimiert und die nötigen Gerätschaften ausfindig gemacht. Solche Aufgaben machen ihm Spaß, daran kann er wachsen.

„One thought I always had in my mind was: Some people think the solutions of problems are always there, but they are never just there. It is never so simple. Always you have to invent something or find it in a way you do not think you will find it.”

Die Tatsache, dass Oscar in Chile produziert, verkompliziert das Ganze noch ein wenig. Maschinen, Ersatzteile und Zubehör sind meistens nur in Amerika oder Europa zu finden. Beispielsweise kommt eine Farbe, die sie für manche der Gläser verwenden, aus Plattling.

„That’s the thing I like about entrepeneurship. You can play.“

Das Leben meinte es gut mit ihm und trotz schlechter Maschinen, einem anfangs bescheidenen Produkt ohne herausragender Verpackung oder Geschichte und ohne das Wissen, wie man überhaupt verkauft, ging alles irgendwie seinen Weg. Es folgten drei brotlose Jahre, in denen er dennoch nicht aufgab. Dafür wurde er dann sowohl mit einer Förderung der Regierung als auch mit einem der wichtigsten chilenischen Entrepreneurship-Programme belohnt. Von dem Geld konnte Oscar bessere und produktivere Maschinen anschaffen und eine richtige Werkstatt aufbauen.

„And that’s how it started. It does not start fancy. It was really hard. You are never like full of money. You are always investigating to make cooler bottles, finding a machine.“

Oscar und David von GreenGlass Chile

Oscar mit David, dem professionellen Glasrandschleifer.

Im November schrieb ich eine Mail an greenglass.cl ohne recht zu wissen, was mich erwarten würde. Oscar antwortete prompt und lud mich ein ihn zu besuchen. Wenig später fuhr ich nach Santiago, er holte mich an der U-Bahn ab und wir fuhren zu seinem Elternhaus, versteckt in einem grünen Randbezirk von Santiago de Chile. Es war gerade eine neue Lasterladung Flaschen angekommen. Sie türmten sich ohnehin schon in Kisten um das ganze Haus. Nach einer Führung durch die Werkstatt im Untergeschoss folgt ein langes Gespräch am Küchentisch.

Tony, der professionelle Flschenhalsabschneider.

Tony, der professionelle Flschenhalsabschneider.

Die Geschichte eines GreenGlass beginnt, wenn jemand eine Flasche leer trinkt und irgendwo stehen lässt. Dort wird sie dann von professionellen Flaschensammlern und -recyclern aufgelesen, gereinigt und zu anderen Flaschen sortiert. Von ihnen bezieht Oscar sie dann in großen Mengen. In der Werkstatt angekommen, werden sie geschnitten, geschliffen und in unterschiedliche Formen gebracht. Anschließend bekommen sie noch eine hübsche Verpackung und werden verschifft oder verflogen (klick auf den Text, dann erscheinen die Gesichter der jeweils Beteiligten). In unserem Beispiel landet das Paket dann irgendwann bei Contigo in Göttingen. Die Contigo Fairtrade GmbH hat 20 eigene Läden in ganz Deutschland und verkauft an die Weltläden weiter. Die ersten Verkaufskontakte kamen noch über seine Mutter zustande, doch nach einiger Recherche im Internet reiste Oscar dann mit Koffern voller Gläser nach Europa um neue Geschäftspartner zu treffen.

Ist das noch nachhaltig?

Mir erscheint es auf den ersten Blick ein wenig konträr: In Chile, von Passau aus gesehen am anderen Ende der Welt, wird ein Produkt hergestellt. Dabei liegen die Schwerpunkte auf Recycling, Handarbeit und Umweltfreundlichkeit. Dann wird alles verpackt und fairgehandelt um den Globus geflogen. Widerspricht das nicht der allgemeinen Vorstellung von Nachhaltigkeit?

Gläser von GreenGlass ChileOscar steht noch am Anfang und bemängelt genau das selbst auch. Recycling ist in Chile noch nicht wirklich angekommen. FairTrade kennen einige wenige, aber meist nur vom Wein. Ein paar Leute fühlen sich zwar von GreenGlass angesprochen, aber die Mehrheit eben nicht. Solange ist der Markt im Ausland geeigneter. Die langfristige Idee ist es, Werkstätten an anderen Orten und auf allen Kontinenten aufzubauen. Glasmüll gibt es überall, das Wissen zum Recycling aber fehlt. Um mit der Produktion zu beginnen, wird nicht viel Kapital benötigt. „That is my small dream I have with GreenGlass.“

In den letzten Jahren hat GreenGlass jedes Jahr seine Verkäufe und recycelten Flaschen verdoppeln können. Eine Million Flaschen retten ist das momentane Ziel. Gut die Hälfte ist schon erreicht. Ein Zähler auf der Homepage zeigt den aktuellen Stand. Und Oscar hätte gerne, dass irgendwann jedes Glas der Welt ein GreenGlass ist. Die große Motivation, die ihn an all das glauben lässt, ist es, die Welt damit besser zu machen. „Or die, trying to make a better world.“

Also, was passiert, wenn man ein FairTrade-Produkt an seinem Ursprungsort besucht? Ich hab einen sympathischen, enthusiastischen jungen Menschen kennengelernt. Er vertritt ein Produkt, dessen Idee vielleicht nicht ganz neu sein mag, aber er vertritt es aus und mit Überzeugung. Oscar hat einfach angefangen, zu machen anstatt darauf zu warten, dass der Abschluss seines Studiums ihn mal irgendwohin führen wird. Gleichzeitig zeigt es meiner Meinung nach, dass es sich lohnt mal hinter die Kulissen zu schauen, wenn sich die Gelegenheit bietet, weil oft mehr dahinter steckt, als man denkt.

GreenGlass - Flaschen stapeln sich ums Haus - kleinstadtgross.deFür solche, die des Spanischen mächtig sind, bietet sich greenglass.cl für weitere Informationen an. Hier erklärt Oscar auf Englisch wer er ist und was er macht. Und wenn ihr gerade in der Gegend von Santiago seid, freut er sich über Besuch. Für alle anderen: Der Weltladen Passau befindet sich in der Kleinen Klingergasse 1 und auch dort freut man sich über Besuch.

- Text und Fotos von Almuth Nitsch-