Kulturfabrik – Die alte Tanke in Freinberg | kleinstadtgross

Kulturfabrik – Die alte Tanke in Freinberg

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Stell dir einen Ort vor, an dem alles möglich ist. Tagsüber wird Brennholz gemacht, Sackhüpfen auf der Wiese veranstaltet, werden Bäume gepflanzt und Wände gestrichen. Abends sitzt man um die Feuerschale am aufgeschütteten ‘Beach’ und lauscht Musik, die keinen Nachbarn stört. Die Möglichkeiten sind nahezu grenzenlos und in Passau schon begrabene Pläne scheinen plötzlich wieder machbar.

Wir befinden uns auf einem 2000qm großen Grundstück wenige Kilometer entfernt von Passau. 800qm Wiese, 200qm bebaut und 1000qm geteert. Auf der einen Seite das Augebiet der österreichischen Donau und die B 130, auf der anderen Seite Wald und Wiese. Am Rande der Gemeinde Freinberg befindet sich das einmalige Grundstück einer alten Tankstelle, das der Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht werden soll.

Der Gedanke entstand vor 4 Jahren. Michael Schuhbauer, seines Zeichens Hausarzt in Passau, suchte für den Mittelalterverein ‘Die schwarzen Schafe‘ nach einem Lagerraum. Über Umwege entstand die Idee eine alte Tankstelle bei Freinberg wieder zu nutzen.

IMG_6470”Der Eigentümer sagte: ‚Die alte Tankstelle steht leer, die könnt’s schon ham, aber die ist ned gut beinand.’ Wir haben uns das angeschaut und gelinde gesagt eine Bauruine inmitten eines Müllplatzes vorgefunden. Aber wir haben uns entscheiden zu arbeiten, damit wir unseren Lagerraum kriegen. Und das war die Idee.”

Am Anfang gab es also dieses Tankstellengebäude. Seit 30 Jahren hatte es niemand mehr bewirtschaftet. Am Hof lag verrottetes Material, 50 Anhänger voller Müll mussten abtransportiert werden. Armdicke Bäume, Sträucher, haufenweise Autoschrott, verwässerte Behälter mit Altölresten und noch viel mehr alter Kram stand herum. Jeder andere Mensch hätte sich umgedreht und nach etwas anderem Ausschau gehalten.

”Wir haben den Humus weggekratzt, den ganzen Wildwuchs auf die Seite geräumt und die ‘alte Tanke’ ausgegraben. Das war für zwei Jahre eine ‘nette’ Aufgabe.”

Doch bei der Idee vom möglichen Lagerraum ist es nicht geblieben. Immer wenn ein kleines Loch aufgemacht wurde, um es zu stopfen, befand sich dahinter eine Höhle. Dann wurde eben die Höhle renoviert und nicht nur das Loch. Drei Jahre dauerte es, bis neuer Putz und Farbe das alte Gemäuer wieder glänzen ließen -14 Tage lang- bis das Hochwasser vergangenes Jahr alles wieder auf Null setzte. Doch Herr Schuhbauer machte weiter. Beim jährlichen ‘Ramadama‘ (Räumen tun wir! - bayrisches Renovierungskonzept) helfen Freunde, Patienten und Vereinsmitglieder der Schwarzen Schafe. Dann arbeiten zur Abwechslung mal 80 Hände, statt nur zwei. So wird die ‘alte Tanke’ langsam schöner. Doch nicht nur das.

Als Krönung wurde dann im April ein verspätetes Fluthelfer-Fest mit circa 200 Leuten auf dem Gelände gefeiert. Die Bässe motivierten die anreisenden Radfahrer schon zwei Kilometer vor dem Ziel schneller zu fahren. Angekommen erwartete die Eingeweihten druckvoller Electro, brennende Stahltonnen und eine gut gefüllte Bar. Der große Wunsch wäre es, es nicht bei der einen Feier zu belassen.

IMG_6618”Wenn ich nur 10% von meinen Ideen durchziehe, dann mache ich noch 5mal mehr als die meisten anderen. Und ich habe einen jungen Mann kennen gelernt, der spinnt genauso. Das ist der Phil Müller. Und er hat eins, was ich nicht mehr habe: die Jugend. Und jetzt schauen wir mal, was man damit anstellen kann. Momentan ist unser Vorhaben noch ein zartes Pflänzchen und ein Wolkenschloss. Aber die Struktur entsteht.”

Die alte Tankstelle könnte also eine wahrliche Kulturfabrik werden: tagsüber mit Schusterei, Holzverarbeitung und Kunsthandwerk, abends mit Open Air-Veranstaltungen und Konzerten für alle, die den Weg finden.
Im Moment wird in Zusammenarbeit mit anderen Vereinen das Dahoam-Festival im Juni geplant. Ursprünglich für den Klostergarten vorgesehen, wurde es dann aber von der Stadt Passau abgelehnt. Nun beheimatet die Kulturfabrik jenseits der Grenze das Festival. Vom 13. bis 15. Juni werden über zehn Bands und DJs das Gelände bespielen.

Wir sind gespannt, was sich aus der Tanke alles entwickeln wird, bleiben dran und werden an dieser Stelle darüber berichten. Wir freuen uns auf den kommenden Sommer und darüber, dass alternative Kultur von Passau vielleicht eine Heimat gefunden hat.

Ein paar Eindrücke des Geländes: jetzt – nach der Flut.

- Text von Almuth Nitsch, Bilder von Thomas Maluck -