Martin Waldbauer – „A simple man, doing simple pictures“ | kleinstadtgross

Martin Waldbauer – „A simple man, doing simple pictures“

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Ästhetik kommt nicht immer aus pulsierenden Kreativitätsblasen der Großstädte, in denen man von oben, unten, rechts und links inspiriert wird und die Devise „kreativ-sein“ zum Modeassesoire geworden ist. Tradition und die staubigen Werte der „forgotten generation“ schaffen in Bayern nicht nur die Kreativität für kitschige Bilderbuchlandschaften in Acryl, sondern bewegen Fotografen wie Martin Waldbauer zu einer Stimmungsfotographie, die einem mystischen Spaziergang in den bayrischen Wäldern ähnelt. Das die kreative Kraft oft in der süddeutschen Ruhe liegt, erzählt uns Martin Waldbauer (27) im Cafe Anton.

Wo bist du aufgewachsen, wohin hat es dich getrieben?

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Martin Waldbauer

Martin Waldbauer: Aufgewachsen bin ich in Haag bei Hauzenberg in einem Wirtshaus. Da war immer was los. Ich habe die ganze Zeit eigentlich dort verbracht. Es war ein richtiges typisches, ländliches Leben. Ich bin zwar gereist, habe die Heimat aber nie zum Studieren verlassen. Nach der Schule habe ich eine Ausbildung zum Maschinenbauer gemacht, danach den Zivildienst und seitdem arbeite ich mit behinderten Menschen. So richtig weg war ich nie.

Was verbindet dich mit der Passauer Umgebung und Bayern? Was hält dich hier?

MW: Die Mentalität, die Traditionswerte, das taugt mir einfach. Das Ländliche, das Unkomplizierte, teilweise auch das Sture und die Werte, die hier aus früherer Zeit noch existieren. Und natürlich die Umgebung an sich. Ich meine, die Leute kommen zu uns, um Urlaub zu machen, weil sie das alles bei sich nicht haben.

Wie bist du auf die Fotographie gekommen? Wie hat sich diese Leidenschaft entwickelt?

MW: Ich war zwei Mal in den USA. Beim ersten Mal habe ich eine kleine, ganz normale Kamera mit dabei gehabt und beim zweiten Mal habe ich mir – total idiotisch eigentlich –  eine fette Spiegelreflex Canon 5D Mark II gekauft. Idiotische Idee, als Nichtskönner so eine Kamera zu kaufen. Naja, ich habe dort jedenfalls angefangen Bilder zu machen. Was die Porträts betrifft, hat mich ein befreundeter Fotograf aus Grafenau inspiriert. Seine Arbeit habe ich länger verfolgt. Er hat Menschen aus seinem unmittelbaren Umfeld fotografiert. Mir hat es sehr gefallen, wie er sie dargestellt hat. Anfangs habe ich auch nur enge Freunde und die Familie fotografiert.

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Würdest du dich als reinen Porträtfotograf bezeichnen?

MW: Eher nicht. Eher als Stimmungsfotograf. Man kann banal gesagt auch mit einem Baum eine stimmungsvolle Aufnahme machen. Es muss nicht immer ein Mensch sein, der mit seinem Augenausdruck total überzeugend ist. Es gibt ein sehr berühmtest Bild von einer Zigarettenschachtel. So blöd sich das auch anhört, aber es ist eines der geilsten Fotos.  Was mir primär wichtig ist, ist die Verbundenheit zum Motiv. Eine persönliche Bindung ist einfach mehr wert. Diesen Wert kenne natürlich nur ich als Fotograf.

Durch die Porträtfotographie arbeitest du oft mit Menschen. Wie gehst du auf diese Menschen zu? Was muss da stimmen?

MW: Erst einmal muss dieser Mensch etwas haben, was mich umhaut. Es handelt sich hierbei nicht um die Kategorie der Schönheit, sondern um das Gefühl, welches mir sagt, dass es gut wird. Danach frage ich, ob ich fotografieren darf und rede über meine Vorstellungen. In meinem Fall, war alles ein bisschen einfacher, weil die meisten Leute in meinem unmittelbaren Umfeld leben.

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Ist es auch manchmal so, dass du dich in ein Cafe setzt und quasi auf Modelljagd gehst?

MW: Das würde ich gerne machen, aber ich glaube dafür bin ich eher nicht der Typ. Wir waren mal in Sardinien unterwegs und dieses Land ist bekannt für europas ältestes Volk. Da waren Motive… das war unglaublich! In dem Fall bin ich einfach hingegangen und habe gefragt, ob ich Fotos machen darf.

In der aktuellen Austellung „12 Lichtbildner“ im Kunstverein Passau stellst du Porträts von alten Menschen aus. Was fasziniert dich an diesen Menschen?

MW: Primär eigentlich die Ruhe. Die Falten.

In der Ausstellung hängt ein Bild, welches die Hände eines Menschen im Krankenbett zeigt? Wer ist das?

MW: Das war mein Opa, 3 Tage bevor er gestorben ist. Es war eine schwierige Entscheidung dieses Bild auszustellen, weil es ein sehr persönliches Bild ist. Der Tod gehört zu Leben dazu und darum wurde es ausgestellt. Es sind circa 4-5 Bilder von meinen anderen Großeltern dabei. Die ganze Ausstellung ist sehr persönlich.

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Deine Bilderreihe im Kunstverein trägt den Namen „The forgotten generation“. Warum?

MW: Na, weil die alte Generation in Vergessenheit gerät. Jeder lebt so dahin, in einer Gesellschaft in der Hightech wichtig ist, aber Werte wie Tradition, verloren gehen. In der Großstadt ist dieser Verfall eher zu beobachten.

Du bevorzugst also eher klein statt groß?

MW: Ja definitiv! Ich fotografiere jetzt auch nicht mehr digital, sondern nur noch analog. Ich will das Ganze ein bisschen ruhiger angehen. Man muss auf die Bilder warten und nicht wie bei einer DSLR 300 Fotos in ein paar Minuten machen, die sofort verfügbar sind. Analog hat man pro Film 12 Aufnahmen, lässt sich viel mehr Zeit und überlegt 5 oder 6 Mal, ob man das Bild jetzt macht oder nicht.

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Suchst du nach bestimmten Motiven?

MW: Ich mag Schlechtwetterstimmungen, Mystik. Sonne mag ich für Fotos eher nicht. Warum ich diese Dunkelheit mag weiß ich nicht genau. Der Mensch kommt nicht aus dem Fotostudio, wo man lächeln muss. Er kommt aus dem Leben mit allem was dazu gehört.

Im Internet beschreibst du dich als „A simple man, doing simple pictures“. Woher kommt die Bescheidenheit?

MW: Die Bilder sind vom Aufbau her einfach, bei mir ist meistens alles mittig und frontal. Ich habe das Fach nicht studiert, ich habe alles selber gelernt. Ich gebe kein Geld für Modells aus und nehme das, was ich in meiner Umgebung finde. Am Ende geht es nur darum, das es mir Spaß macht.

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Warum sind ein Großteil deiner Bilder schwarz-weiß?

MW: Bei schwarz-weiß Bildern steht für mich das Motiv im Vordergrund, ohne das Farben davon ablenken. Die Reduktion auf das Wesentliche.

Hast du bezüglich der Fotographie Wünsche und Ziele?

MW: Ich möchte weniger machen, möchte aber zugleich, das die wenigen Fotos einen höheren persönlichen Wert bekommen. Ich möchte mich von der Veröffentlichung der Fotos im Internet ein wenig entfernen. Es ist schön ein Feedback zu bekommen, aber oft ist es mir schon passiert, dass ich gedacht habe: „Boa leck, das Bild ist mir echt gut gelungen!“, habe es hochgeladen und niemand hat darauf reagiert. Bei anderen Bildern, die ich für mich nicht so besonders waren, gab es dafür sehr viele Reaktionen. Ich finde das macht die ganze Sache nicht aus. Es geht darum, dass man etwas hat, was für ewig bleibt. Das fasziniert mich primär an der Fotografie!

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- Text und Interview von Thomas Maluck, Fotos von Martin Waldbauer-