Treffen junger Autoren – Passauer Studentin liest im Haus der Berliner Festspiele | kleinstadtgross

Treffen junger Autoren – Passauer Studentin liest im Haus der Berliner Festspiele

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Vom 20. bis 24. November findet das Treffen junger Autoren im Haus der Berliner Festspiele statt. Dort geht es um die Förderung junger Talente im Bereich der Literatur. Aus 747 Bewerbungen haben die Juroren 21 Preisträger gewählt, die am fünftägigen Treffen teilnehmen dürfen. Die 20-jährige Passauer Studentin, Laura Worsch, ist eine der Erfolgreichen. Mit ihrer Kurzgeschichte “Ganz anders, oder nicht” in dem sich ein “ich” ihn ihre beste Freundin verliebt, konnte sie die Jury überzeugen und darf in Berlin ein umfangreiches Programm mit Workshops und Lektoratsgesprächen besuchen. Der Höhepunkt des Treffens ist die gemeinsame Lesung aller Preisträger am 21. November.

Wir haben Laura am Inn getroffen – erst Kaffee, dann Enten füttern. “Eigentlich bin ich immer diejenige, die die fragen stellt“, sagte sie, denn in den Semesterferien arbeitete sie für den “Münchener Merkur”. Der Beruf Journalistin passt gut zu ihr. Sie ist ein aufgeweckter Mensch, der viel beobachtet und sich mehr Gedanken über Details macht als andere. Durch die kurzen Haare und das hübsche junge Gesicht, sieht sie aus wie eine 20-Jährige. Wenn sie erzählt, wirkt sie älter, keineswegs spießig sondern erfrischend reflektiert und mutig.

Als gebürtige Münchenerin kam Laura vor zwei Semestern nach Passau um European Studies zu studieren. Eigentlich wollte sie dazu nach Maastricht gehen. Passau ist mittlerweile aber auch ganz ok. Der Plan war also: Weg aus Bayern, weg aus Deutschland. Doch jetzt vertritt sie ihre Wahlheimat im Haus der Berliner Festspiele oben in der nordischen Metropole, wo Semmeln Schrippen heißen und man mit sozialen Sanktionen rechnen muss, wenn man mit dem Wort “Servus” grüßt. Aber als politisch Engagierte bei der Grünen Jugend und NoBorders Passau sowie als rhetorisch gewandtes Großstadtkind wird sie der “Berliner Schnauze” wohl standhalten können.

Bereits als 13-jährige fing Laura an zu schreiben und verfolgt ihre Leidenschaft bis heute.

“Als ich 13 war, hatte ich eine schreckliche Sucht nach Gilmore Girls und meine Mutter war ganz verzweifelt, weil ich die Schule vernachlässigt habe. In einem Verzweiflungsakt hat sie mir dann alle DVDs weggenommen und mir Fernsehverbot erteilt. Dann blieb mir nichts anderes übrig, als mich den Büchern zuzuwenden und zu schreiben. Mit Fantasy-Geschichten habe ich angefangen. Mit 13 habe ich knapp 200 Seiten über eine Fantasiewelt geschrieben. Mit Drachen und Elfen und so.

Später entfernte sie sich vom Fantasy-Genre und widmete sich realeren Themen in Form von Kurzgeschichten. “Etwas längeres zu schreiben ist sehr komplex, man muss sich viel Zeit dafür nehmen. Gerade für realistische Sachen. Man kann nicht einfach ein Seeungeheuer aus dem Inn auftauchen lassen.” In ihren Kurzgeschichten geht es um den Zwiespalt und die Gefühlswelten verschiedener Personen, um Momentaufnahmen, die ihr früher auf einem Münchener Balkon, später in einem kleinen Cafe an der schottischen Küste oder heute in einer langweiligen Vorlesung in den Sinn kommen.

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Autorin zu werden kann man sich nicht vornehmen, hat man mir erzählt. Das passiert einfach irgendwann“, gab sie als Antwort auf eine Frage bezüglich ihrer Zukunft. Sie wollte schon immer Journalistin werden. An sich selber stellt sie den Anspruch viel zu reisen und reale Geschichten von Menschen zu erzählen. Ganz ablassen von den Phantasiewelten ihrer Vergangenheit wird sie aber nicht, denn sie wartet immer noch auf den Brief aus Hogwards. Wenn die Welt ein Buch wäre und sie dessen Autorin, würde sie “Drachen in die Welt setzten. Drachen sind super. Sie sind mächtig. Mächtiger als die Menschen und diese Idee gefällt mir ganz gut.

Wo Laura irgendwann mal landet ist bei so vielfältigen Menschen schwer abzusehen. Autorin werden: “Das passiert einfach“. Ob politische Aktivistin, Jounalistin, Drachenreiterin oder Schülerin in Hogwards, alles ist möglich! Das Gute an diesen Tätigkeiten ist, dass sie sich gegenseitig nicht ausschließen.

Viel Erlog und viel Spaß in Berlin liebe Laura!

Mit folgendem Text hat sie sich beim Bundeswettbewerb für das Treffen junger Autoren beworben. Sie wird ihn am 21. November im Haus der Berliner Festspiele vortragen.


Ganz anders, oder nicht

Ich habe das blaue Samtkleid an, das Mika mir für fünf Euro in dem Secondhandladen in Kreuzberg gekauft hat. Wie Natalie Portman siehst du aus, hat sie gesagt und dass mir jetzt nur noch die braunen Haare fehlen. Wir haben Tönfarbe gekauft im Kaiser’s neben dem Hostel. Meine Haare, die vorher irgendwie gar keine Farbe hatten, sind jetzt dunkelbraun, aber es wäscht sich schon wieder raus, sie sind ja nur getönt.

Ich finde trotzdem nicht, dass ich aussehe wie Natalie Portman, nicht mit den vielen Sommersprossen im Gesicht. Als ich klein war, habe ich mit meinen Sommersprossen zählen gelernt, mit den kleinen Punkten um die Nase, die zusammen mit der Zahnlücke schon süß aussahen. Jetzt sieht es aus wie Sonnenbrand, auch wenn Mika meint, das ist Kunst und mit einem Kugelschreiber Sternenbilder aus ihnen macht.

Aber in Berlin habe ich mich gefühlt wie Natalie Portman, in dem blauen Samtkleid und den dunklen Haaren. Wir, Mika und ich, saßen in der Bar, da haben wir die irischen Backpacker getroffen. Mika wären Franzosen lieber gewesen, glaube ich. Als sie jetzt das Zimmer betritt, hat sie die gleiche karierte Hose an, aus dem gleichen Secondhandshop wie mein Kleid. Die eine Hand hält ihre Ledertasche, die andere Hand hält die Hand von Fred.

Salut, sagt Mika, Küsschen rechts links. Sie riecht ganz anders als in Berlin, nicht mehr nach Sonne und Zigaretten und ein bisschen eklig verschwitzt, weil man die letzte Nacht durchgemacht hat. Jetzt riecht sie wieder nach Fred, nach karierten Hemden und drei-Tage-Bart. Er hat sie gestern vom Bahnhof abgeholt. Natürlich wusste sie nichts davon und ihre perlweißen Haare haben getanzt zwischen Koffern und Menschen, auf und ab, als sie auf ihn zugerannt ist.

Hübsch, sagt sie zu mir und ich weiß nicht was sie meint: Die Haare, das Kleid oder mich, wie ich eben aussehe? Du solltest die Haare ganz färben, sagt sie, sie sind schon ganz schmutzig.

Gestern habe ich mich wegen der Haare mit meiner Mutter gestritten oder eigentlich haben wir über Mika gestritten. Sie sagt, Mika hat einen schlechten Einfluss auf mich.

An der Wand meines himmelblau-kalten Zimmers hängt ein Bild von uns beiden am ersten Schultag. Wir tragen Minidirndl und rosa Einhorn-Schultüten, die fast so groß sind wie wir. Mika hat sich ohne zu fragen neben mich gesetzt und meinte, das war, weil wir die gleichen Schultüten hatten. Sie meinte, deswegen passen wir zueinander.

Nur ist Mika seit einem halben Jahr mit Fred zusammen und das hat es kompliziert gemacht. Weil wir darüber nicht reden können oder zumindest bilde ich mir das ein. Weil ich mich so gar nicht ich selbst fühle in dem Kleid, mit den schmutzigen Haaren und mit Mika, die jetzt meine Hand hält und mit mir in die Küche geht. Sie hält sie wie Freds Hand vorhin und verschränkt jeden unserer Finger einzeln miteinander. Der Daumen liegt auf meinem Handrücken und streichelt ihn hin und wieder, wie um zu testen, ob ich noch da bin.

Mika hat sehr schöne Hände. Elfenhände, hat Fred in einem der Briefe geschrieben. Er hat auch über ihre strahlenden Augen und ihr Haar mit der perfekten Dicke geschrieben, davor, und hat sie Mika heimlich in den Briefkasten geworfen. Wir saßen mit jedem der Briefe und heißer Schokolade in dem Café am Viktualienmarkt und haben über sie gelacht, die Haare mit der perfekten Dicke. Kompletter Blödsinn, hat Mika gesagt, auch über Brief drei bis fünf bis acht. Brief neun hat er unterschrieben, Fred aus der Rotkehlchenstraße 2c. Mika mixt sich einen Gin Tonic, der mehr Tonic ist als Gin. Dazu nimmt sie einen Energy Drink aus dem Kühlschrank. 

Energy Drinks riechen alle gleich. Ob sie gleich schmecken, weiß ich nicht, aber sie riechen alle nach Gummibärchen oder gezuckertem Kaugummi oder vielleicht auch nur nach Gummi.

Ich mag den Geschmack nur vermischt mit Mikas Geschmack. Sie schmeckt süß, nach Erdbeerlabello und einen Hauch nach Gummibärchen. In Berlin zumindest hat sie so geschmeckt, so und ein bisschen nach billigem Alkohol. 

Ist alles okay, fragt sie, weil ich nicht antworte, was ich trinken möchte. Ich nehme mir ein Bier. Natürlich ist alles okay, Mika, natürlich. Siehst du, ich trinke, Mika. Betrinken wir uns, so wie vor zwei Tagen im Hostel. Da hast du mich geküsst, weißt du noch, an die mindgrüne Wand unseres Zimmers gelehnt. Die Alufolie in meinen Haaren hat geknistert und alles hat nach Tönfarbe und nach Deospray gerochen. Später in der Bar habe ich dich geküsst, weil der irische Backpacker eben nicht französisch war und nicht französisch küssen konnte. Und zurück in dem mindgrünen Zimmer, da hast du mich geküsst, Mika, nur weil du es wolltest.

Als sie jetzt die Küche verlässt mit dem Gin Tonic in der einen Hand und dem Energy Drink in der anderen, denke ich an unser Gespräch heute morgen am Telefon. Wir haben darüber geredet, was wir anziehen würden heute Abend und ob es für Kleider nicht viel zu kalt ist draußen. Wir haben über alles geredet, über das eben geredet wird, wenn man nicht über das reden kann, worum es eigentlich geht. Du bist doch meine beste Freundin, nicht wahr, hat Mika dann gefragt. Und: Wenn wir befreundet sind, dürfen wir uns nicht küssen, Süße. Das geht nicht. Warum nicht? Das möchte ich sie jetzt wieder fragen. Warum darf ich sie nicht küssen, ihre Lippen mit Erdbeergeschmack. Ich frage mich, wie sie normalerweise schmecken, ohne bitteren Alkohol.

Sie: Es kann doch nicht so falsch sein, oder? Wenn alle es so machen. Also küsst sie Fred anstatt mich, weil alle es so machen.

Es ist nicht falsch, Mika, denke ich jetzt. Aber wenn sie doch mich küssen will und nicht Fred, dann kann das auch nicht falsch sein. 

Das habe ich heute Morgen nicht gesagt. Heute Morgen habe ich geschwiegen. Mika hat aufgelegt und diese letzten zwanzig Sekunden gelöscht und zurück bleibt nur ein Telefonat über Kleider.

Ich stehe neben dem Kühlschrank mit meinem Bier in der Hand. Mika kommt zurück in die Küche, ihr Glas ist leer. Hinter ihr ist Fred. Er ist auch kein Franzose. Mika stellt das Glas in die Spüle. Kommst du, fragt sie und nimmt meine Hand. Sie verschränkt jeden unserer Finger einzeln miteinander und streicht mit dem Daumen kurz über meinen Handrücken. Wie um zu testen, ob ich noch da bin.


Hier gibt es eine weitere Kurzgeschichte von Laura Worsch.

- Artikel und Fotos von Thomas Maluck, Kurzgeschichte von Laura Worsch -