‘Und morgen Mittag bin ich tot’ – Filmpremiere mit Regisseur Frederik Steiner | kleinstadtgross

‘Und morgen Mittag bin ich tot’ – Filmpremiere mit Regisseur Frederik Steiner

Liv_Lisa_Fries

Vor circa 20 Jahren stand eines Tages ein junger Mann im Passauer Kino und fragte nach einem Job. Er habe zwar sein Abitur noch nicht, sei aber sehr filminteressiert. Und so wurde Frederik Steiner Teil des Teams. Mittlerweile hat er sein Abitur und einen Abschluss der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg. Letzten Mittwoch stand er dann wieder im Kino um sein Spielfilmdebüt vorzustellen.

Steiners Film ‘Und morgen mittag bin ich tot’ behandelt das Leben einer jungen Frau mit Mukoviszidose. Lea (gespielt von Liv Lisa Fries) ist 22 Jahre alt und beschließt in die Schweiz zu fahren, um ihrem krankheitsgeprägtem Leben ein Ende zu setzen. Zu ihrem letzten Geburtstag läd sie ihre Familie nach Zürich ein. Für den gleichen Tag hat sie den Euthanasie-Termin geplant.

Mukoviszidose ist eine vererbbare Stoffwechselerkrankung, von der rund 8000 Menschen in Deutschland betroffen sind. Die Ursache ist ein genetischer Defekt, der dazu führt, dass alle körpereigenen Sekrete eingedickt produziert werden. Primär Lunge und Bauchspeicheldrüse werden so von einem zähen Schleim verklebt. Die Organe verlieren mit der Zeit ihre Funktionstüchtigkeit. Kennzeichen der Krankheit sind schwere Lungenentzündungen, chronischer Husten und Untergewicht. Obwohl es mittlerweile möglich ist, dass die Betroffenen ein Alter von 30 – 40 Jahren erreichen, ist die Krankheit noch immer nicht heilbar, sondern nur behandelbar.

Das Drehbuch stammt von Barbara Te Kock. Eine frühe Version davon war noch eine Kritik, fast schon eine Satire an der kapitalisierten Form der Sterbehilfe. Das Aufgreifen der Krankheit ist entstanden, weil die Autorin während des Schreibens einen Bericht darüber gelesen hatte. In der Zusammenarbeit mit Steiner wurde die Geschichte allerdings verändert, weil er nicht der richtige Regisseur für diese Art des Films gewesen wäre. Natürlich stellt sich immerzu die Frage, ob ein Film mit einer solch schweren Thematik geeignet ist als Einstieg ins Filmgeschäft. Steiner dazu:

“Diese Überlegungen sind natürlich immer da. Zweifel gehören dazu. Bis hin zu den Zweifeln: Wird das gut, was wir hier machen? Taugt das überhaupt irgendwas? Wir hatten in der Drehbuchentwicklungsphase Schwierigkeiten: Wir mussten uns auch erst in der Zusammenarbeit finden, weil wir das Thema von zwei sehr verschiedenen Richtungen angegangen sind. Barbara eher von dieser satirischen Seite, aber mir ging es eher darum eine Wahrhaftigkeit darin zu finden. Es war zwischendurch gar nicht so klar, ob wir auf einen Nenner kommen.”

Ein Film ist nicht von heute auf morgen fertig. Zeit vergeht. In diesem Fall drei Jahre. Finanzierungen waren unklar. Es flattert nicht jede Woche ein Scheck ins Büro.

“Tatsache ist, dass mich die Hauptfigur immer sehr berührt hat, dass ich sie immer für ihren Mut bewundert habe und dass ich das Gefühl hatte, gerade weil ich auch so viel Angst vor dem Thema hatte, dass ich daran wachsen kann und dass es sich lohnt, sich dieser Herausforderung zu stellen. Und ich kann heute sagen, dass wir sehr sehr froh sind, dass wir diesen Film gemacht haben.”

Im Gespräch sagte der Regisseur, dass Recherchearbeit eine wichtige Rolle gespielt habe. Die Zusammenarbeit mit zwei Patientinnen aus der Mukoviszidose-Abteilung der Charité in Berlin habe geholfen ein umfassendes Bild von der Krankheit zu bekommen.

“Was bedeutet es Muko zu haben? Wie fühlt sich das an? Welche Haltung können wir uns erlauben? Ist zum Beispiel der Humor gerechtfertigt?”

Einer der beiden Patientinnen ist der Film jetzt gewidmet. Solveig war ihr Name. Sie ist letztes Jahr verstorben und alle Beteiligten sind sehr dankbar, dass sie sie haben kennenlernen dürfen. Ohne sie hätte der Film in der Form gar nicht gemacht werden können.

“Wir hatten 28 Drehtage, das war sehr wenig. Es ist bei jedem Film so, dass man gegen die Zeit ankämpft. Er war eine doppelte Erfahrung. Alles stand unter riesigem Druck, aber gleichzeitig hatten wir jeden Tag das Gefühl an etwas sehr besonderem teilzunehmen. Es gab immer wieder diese Momente, wo es uns eingeholt hat, was wir hier erzählen.

Das Team habe sich nicht an die schwere Thematik gewöhnt. Beim Drehen einer besonders belastenden Szene gab es einen Moment bei dem alle geweint haben.

In Bezug auf die Euthanasie wurde professioneller Rat nötig. Erste Anlaufstelle für Steiner war die ‘Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben‘. Ein langes Gespräch mit der Präsidentin der Gesellschaft führte zum Kontakt zu einer Sterbehelferin:

“Das war ein denkwürdiger Abend. Ich bin mit Florian Emmerich, dem Kameramann nach Zürich gefahren. Wir hatten natürlich Fragen über Fragen. Was motiviert sie? Wie fühlt es sich an? Wie hält man das durch? Bis hin zu ganz praktischen Aspekten: Wie sieht ein Raum aus? Das haben wir alles erfragt und das ist im Film auch sehr dicht an der Wirklichkeit. Bis zum Formular, dass Michaela Orff ausfüllt. Das ist tatsächlich ein Original, das wir nur geringfügig verändert haben. Ich hab mich vor diesem Thema sehr lange gedrückt. Das war das, was ich als allerletztes angegangen bin, weil ich wirklich lange Berührungsängste hatte. Ich hatte anfangs überhaupt keine Idee, wie ich mir einen Sterbehelfer vorstellen muss. Die Menschen, die ich kennengelernt habe, sind Menschen die aus einer tiefsten inneren Überzeugung handeln und an das glauben, was sie tun und das war für mich eine ganz wichtige Erkenntnis.”

Der Film leistet einen Beitrag zur aktuellen Debatte zum Thema Sterbehilfe. Jedoch ist er eine Möglichkeit abseits von Talkshows, in der Geborgenheit eines Kinosaals einen persönlichen Zugang zum Thema zu finden. Hier wird eine individuelle Geschichte gezeigt. Tatsache ist, dass der Prozess der aktiven Sterbehilfe in der Realität meistens ein wesentlich längerer ist und nicht wie im Film innerhalb von zwei Tagen abgehandelt wird. Nicht immer enden die Geschichten am Sterbebett, nicht immer sind Betroffene dann schon bereit aus dem Leben zu scheiden, nicht immer ist die Familie dabei eine Unterstützung.

Weitere Vorstellungen im Metropolis:

Montag, 17.02. bis Mittwoch, 19.02., 17:45 Uhr & 20:15 Uhr

Donnerstag, 20.02. bis Mittwoch, 26.02., 16:00 Uhr & 18:05 Uhr

- Text von Almuth Nitsch, Zitate von Frederik Steiner aus dem Publikumsgespräch im Cineplex Passau am 12.02.14, Foto von Stefan Klüter -