Was nicht im Reiseführer steht… | kleinstadtgross

Was nicht im Reiseführer steht…

Vor drei Wochen haben wir an dieser Stelle vom Projekt der beiden Passauer Studierenden Tina Boes und Andreas Brumm und dem peruanischen Fotografen Alexander Luna berichtet. Es geht um die Region Cajamarca in Nordperu und den Kampf gegen Landraub, Gold und die nachhaltige Zerstörung von Umwelt und Lebensraum. Ein Besuch in der Hauptstadt der Region.

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Die 162.000-Einwohner-Stadt Cajamarca

Auf den ersten Blick wirkt Cajamarca wie jede andere Andenstadt auch. Im Zentrum eine Unterteilung in Straßenblöcke, in der Mitte der Plaza de Armas, am Stadtrand ausgefranst; die Häuser werden kleiner und weniger stabil. In den Straßen ein reges Treiben. Mototaxis teilen sich die Straßen mit Kleinbussen und Autos. Es wird viel gehupt. Um den Hauptplaza reihen sich Touranbieter. In der Gegend gibt es ein jahrtausendealtes Aquädukt, einen Prä-Inka-Friedhof und heiße Quellen zu bewundern. Auf den zweiten Blick irritieren die zahlreichen goldbesternten Hotels und Casinos, die für die verhältnismäßig wenigen Touristen überdimensioniert erscheinen.

Was im Reiseführer steht: “Die kolonialen Pflasterstraßen von Cajamarca zeugen vom letzten Gefecht des mächtigen Inkareichs: Atahualpa, der letzte Inka, wurde hier besiegt und später auf dem Hauptplatz hingerichtet. Nur die atemberaubende Barock-, Gotik- und Renaissance-Architektur zahlreicher Kirchen ist heute noch erhalten. Heutzutage bedeckt fruchtbares Farmland das gesamte Tal, das während der Regenzeit sogar noch grüner ist.

Was nicht im Reiseführer steht: In der Region befindet sich seit über 20 Jahren die zweitgrößte Goldmine der Welt. Was als Wachstumsmotor verkauft wurde, hat Cajamarca zur ärmsten Region des Landes gemacht. Das Geld geht an das Bergbauunternehmen Yanacocha und Investoren aus dem Ausland. Mit internationalen Abkommen sichern sich Länder wie Deutschland ein Vorrecht auf die Rohstoffe. Innerhalb der Bevölkerung führt das zu riesigen Konflikten.

Was im Reiseführer steht: “Hostal Plaza – Hochwertiges Budget-Hotel in einem Kolonialherrenhaus mit Hinterhöfen. Die zehn privaten Räume sind bunt und teilweise kitschig dekoriert (gelegentlich auch mit ausgestopften Tieren), haben Kabel-TV und rund um die Uhr warmes Wasser. In den Gemeinschaftsduschen hingegen gibt’s morgens und abends nur spärlichen Fluss.

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Rio Grande – der große Fluss, der seinem Namen zum letzten Mal vor 20 Jahren gerecht wurde.

Was nicht im Reiseführer steht: Die gesamte Stadt ist in der Nacht von fließendem Wasser abgeschnitten. Um die Mine am Laufen zu halten werden 250.000 Liter Wasser benötigt. Pro Stunde. Zum Vergleich: eine durchschnittliche peruanische Familie braucht 30 Liter Wasser. Am Tag. Der Bergbau benötigt Unmengen an Wasser und gibt es anschließend belastet mit Schwermetallen und Zyanid an die Bevölkerung zurück. Das führt zu Krankheit bei den Menschen und einer nachhaltigen Beschädigung des Ökosystems.

Was im Reiseführer steht: “Rund um Cajamarca gibt’s jede Menge Rinder – und was soll man mit den ganzen Gehirnen machen? Essen! Die örtliche Spezialität ist unter der Bezeichnung sesos bekannt.

Was nicht im Reiseführer steht: In der Region zählen fast 80% der Menschen zur bäuerlichen Bevölkerung. Mit 600.000 Rindern hat Cajamarca hat die höchste Rinderdichte des Landes und ist bekannt für seine Milchprodukte. Täglich werden 215.000 Liter Milch produziert. Anschließend wird sie zu niedrigen festgesetzten Preisen an die Monopolisten Gloria oder Nestlé verkauft. Mehr Ertrag können sich die Landwirt nur von Käseproduktion und -verkauf in der Stadt erhoffen. Vielen Bauern wurde ihr Land von der Bergbaufirma für einen Spottpreis abgekauft oder sie wurden enteignet. Die gezahlten Beträge reichten lediglich aus um als Familie für ein halbes Jahr am Stadtrand zu überleben. Für neues Weideland reichte es nicht.

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JA zu Wasser und Käse, NEIN zu Gold.

Nach 20 Jahren sind die Ressourcen der Mine Yanacocha nahezu ausgeschöpft. Seit circa 2010 ist daher ein weiteres Projekt namens Conga in Planung. Die neue Mine würde 3069 Hektar Land umfassen, darin mehrere Lagunen, die wichtiger Teil des Ökosystems und Lebensgrundlage der Menschen vor Ort sind. Die Wasserversorgung der gesamten Umgebung hat dort ihren Ursprung. Das Projekt provoziert immer wieder Proteste; 2012 mit Todesfolge für fünf der Gegner. Der Beschuss fand aus der Luft statt, eines der Opfer war minderjährig. Die verantwortlichen Polizeikräfte sind dafür bisher nicht belangt worden und genießen nach einem neuen Gesetz Immunität im Amt. Durch die Proteste wurden internationale Organisationen auf das Projekt aufmerksam und die Bauarbeiten wurden offiziell bis 2014 ausgesetzt. Augenzeugen berichten jedoch, dass der neue Standort trotzdem weiterhin vorbereitet wird.

Alexander Luna ist derzeit wieder in der Region Cajamarca unterwegs um letzte Aufnahmen für den Film des Projektes Guardianes del Agua zu machen. Ein Interview mit ihm folgt nächste Woche.

Quellen: congaconflict.wordpress.com, lonelyplanet.com, cajamarca.de

– Text und Fotos von Almuth Nitsch -