Der Ort an dem Träume wahr werden: Das Wohnzimmer | kleinstadtgross

Der Ort an dem Träume wahr werden: Das Wohnzimmer

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Ein Ort, um das künstlerische Potenzial von Passau zu entfesseln. Ein Ort, an dem verschiedenste Leute zusammenkommen können um zu diskutieren, zu lernen und zu entspannen. Ein Ort, an dem alles möglich ist. Ein Raum für Kreativität, Bildung, Begegnung und Zusammensein. Weg mit der Konsumentenhaltung, hin zum selber machen: Das Wohnzimmer.

Brian und Helen heißen die Initiatoren der großartigen Idee. Sie haben den Raum, an dem jeder machen kann, worauf er Lust hat, gesucht und vorübergehend gefunden. Jetzt geht die Suche von neuem los.

Wie alles begann, was zwischendurch passierte und was die aktuellen Pläne sind:

Woher stammt die Idee des öffentlichen Wohnzimmers? Reicht euch euer eigenes nicht aus?

Brian: Ich hab im Sommersemester angefangen bei mir eine Sonntagsrunde zu machen. Die Idee war den Sonntag nicht immer zu vergammeln und sich statt dessen zu treffen und schöne Dinge zu teilen. Gedichte, Textpassagen, Fotos, Musikstücke, was auch immer. Eine Sache, die mir schon länger durch den Kopf geht ist, dass ich so unfassbar viele Bücher bei mir im Zimmer rumstehen habe und viele davon lese ich einmal und danach nie wieder. Da dachte ich, eigentlich wär es doch cool, wenn es irgendwo in der Öffentlichkeit ein Regal gäbe, wo man die Bücher reinstellen und tauschen kann. Dann ist mir aufgefallen, dass es eigentlich noch viel mehr Dinge gibt, die man tauschen und teilen kann: Gegenstände, Ideen, Zeit, Fähigkeiten. Dann kam ich in Verbindung mit der Sonntagsrunde darauf, dass es mich irgendwie nervt, dass es immer nur in meinem Wohnzimmer ist, weil eigentlich könnte man doch mal ein ‚Öffentliches Wohnzimmer‘ machen.

IMG_3794Anfangs konntet ihr euch im damals noch bestehenden Kleidungsladen einquartieren. Der ist dann in die Innstadt gezogen und das Wohnzimmer ist mitgekommen. Neben dem Kaffeewerk habt ihr euch dann für knapp vier Monate niedergelassen. Was hat sich in der Zeit alles ereignet?

Helen: Da haben wir uns dann zwei bis drei Mal in der Woche getroffen. Die ersten paar Mal haben wir gepuzzelt und gestrickt und gequasselt und Gitarre gespielt. Dann wurden es aber immer mehr Leute und wir haben Filmabende gemacht, mit dem Beamer auf die Wand und dann kamen so 20 bis 30 Leute, die keiner von uns kannte und wir haben uns gedacht: Ja, genau so soll es sein. Es war einfach eine völlig bunte Mischung und es wurde immer voller. Ich habe irgendwann Yogastunden angeboten, weil ich das gerne und viel mache. Dann haben wir zu fünfzehnt Yoga gemacht. Aber da ist niemand gekommen, weil sie dachten es sei professionelles Yoga, sondern es machte einfach Spaß. Was für mich der Hauptaspekt ist: Jeder aus der Gruppe hat das gleiche Recht. Es ist nicht so, dass Brian und ich alles initiieren würden. Jeder, der Bock auf irgendwas hat, vermittelt seine Idee und fängt dann einfach an. So ein bisschen die Kommunenidee: Sharing is caring – alles mit allen teilen. Manchmal klingt es so ein bisschen hippiemäßig, aber das ist es überhaupt nicht. Es sind völlig normale Leute, wie du und ich, die Lust haben, Zeit miteinander zu verbringen.

Seit dem neuen Semester seid ihr jetzt auf Raumsuche. Die Liste der möglichen Räume ist lang, aber die Liste der Schwierigkeiten dabei auch: zu teuer, schon vergeben, nicht auffindbarer Vermieter, zentral sollte es sein, ein Kooperationspartner müsste her, der die freie Zeit brauchen könnte…

Brian: Wir lassen uns von der Raumlosigkeit nicht total entmutigen. Grade jetzt im Sommer kann man diesen Wohnzimmer-Spirit auch anders aufrecht erhalten. Eine Möglichkeit wäre einfach viele Sachen draußen zu machen. Um die Idee am Laufen zu halten, ein paar Mitglieder zu gewinnen. Je mehr Mitglieder, desto mehr Freiheiten haben wir, was den Raum betrifft. Man braucht ja nicht viele Dinge um sich wohlzufühlen. Wir brauchen nur uns gegenseitig. Wir sind eigentlich ziemlich optimistisch.

IMG_43458€ im Monat von jedem Dauergast lautet das Konzept. Haben die Mieteinnahmen bisher funktioniert?

Helen: Zu 70%. Das waren ja nur dreieinhalb Monate, weil wir jetzt in den Semesterferien nichts veranstaltet haben. Und wir haben eine Box aufgestellt. Alles nach eigenem Belieben. Die meisten Monate hat es funktioniert. War eigentlich ein Selbstläufer.

Jetzt wird grade daran gearbeitet doch einen Verein draus zu machen, um das rechtlich alles ein bisschen zu sichern mit Ausschank und Verantwortlichkeit, die dann nicht an zwei Leuten hängen bleibt. Wo soll es hingehen? Wo seht ihr das Wohnzimmer in einem Jahr oder in zwei?

Brian: Der erste Schritt wird erstmal sein, einen Verein zu gründen. Damit das Ganze eine Form hat, die uns als einzelne Personen überlebt. Ich habe zwei Visionen. Zum einen: Hier in Passau die Idee, dass jeder seinen Fähigkeiten findet und ausleben kann, zu verstärken. Und zum anderen: Franchisemäßig die Idee in andere Städte zu exportieren. Eigentlich sollte es in jeder Studentenstadt ein Wohnzimmer geben.

Seid ihr Kleinstadt- oder Großstadtmenschen?

Helen: Eigentlich Großstadt, aber hier Kleinstadt. Weil ich mich in Großstädten viel wohler fühle als in kleinen Städten. Aber in Passau hab ich eine Nische für mich gefunden und es geht mir echt gut.

Brian: Ich bin in der Großstadt aufgewachsen und in Passau das erste Mal für eine längere Zeit in einer Kleinstadt. Und ich glaube, ich bin wirklich ein Kleinstadtmensch. In Großstädten geht so viel Zeit und Energie verloren für den Transport von A nach B. Hier ist einfach so eine spontane Energie. Die Wege sind kürzer, rein von der Distanz her und auch von den Menschen zu einander. Das gefällt mir sehr gut.
Die Liste der geplanten Sachen ist endlos, es gibt einfach zu viele geile Dinge, die darauf warten gemacht zu werden.

IMG_4337Die Planungen für die Zukunft sind groß: Science-Slam, Singer-Songwriter-Abend, die Sonntagsgruppe, Filme, Lesungen, Poetry Slam, Kleidertauschparty, Fotoausstellungen, Partys, Soft-Skill-Workshops, Lerngruppen, ein Gemeinschaftsladen, Nachflohmarkt mit Musik… Wir wünschen viel Erfolg bei der Raumsuche und sind gespannt auf alles was noch kommt!

– Interview von Almuth Nitsch, Bilder von Das Wohnzimmer -